Karate Ni Sente Nashi (空手に先手なし) ist die wohl bekannteste Maxime im Karate. Funakoshi Gichin manifestierte sie in seinem Shōtō Nijūkun (松濤二十訓) – den 20 Paragraphen zum Karate-Dō – gleich an zweiter Stelle. Sie soll die geistige Einstellung der Praktizierenden maßgeblich prägen und die defensive Grundeinstellung der Kampfkunst Karate-Dō betonen.

Gleichzeitig ist sie wohl auch die am meisten missverstandene Maxime des Nijūkun.

Übersetzt bedeutet sie so viel wie:

Es existiert keine Initiative/erster Angriff im Karate.

In vielen Dōjōs wird im Training immer wieder betont, nicht die Initiative zu ergreifen und unter keinen Umständen einen Angriff zu starten. Ein weiteres Argument, das dies untermauern soll, ist die Aussage, dass sich diese Maxime in den Kata widerspiegele – schließlich begännen diese immer mit einem Block. Hier wird sich buchstäblich auf die bloße Übersetzung beschränkt, ohne sich um den eigentlichen Sinn zu bemühen. Es wird nicht als innere Haltung verstanden, sondern als bloße Verhaltensregel.

Historisch gesehen war und ist Karate in erster Linie ein System zur Selbstverteidigung. Das bedeutet, dass die alten Meister durchaus die Prinzipien des Kampfes verstanden und erfolgreiche Gegenmaßnahmen kannten, um einem Angriff begegnen zu können.

Hierzu gehört natürlich auch, dass – wenn eine Auseinandersetzung nicht zu vermeiden ist – die Sache so schnell wie möglich beendet werden sollte. Das bedeutet, dass ein Präventivschlag eine sehr erfolgversprechende Methode ist, um relativ unbeschadet aus der Angelegenheit herauszukommen.

Da Angriffe zum großen Teil in Nahdistanz geführt werden und unter anderem die optische Wahrnehmung einer gewissen Zeitverzögerung unterliegt, ist in der Regel derjenige im Vorteil, der zuerst zuschlägt. Da Aktion schneller ist als Reaktion, ist ein karatetypisches Blocken eines solchen Angriffs meist nicht möglich. Hinzu kommen Faktoren wie Stress, Adrenalin sowie ein Anstieg der Herzfrequenz, die sich ebenfalls negativ auf das Koordinationsvermögen auswirken können. So beschränkt sich das Ganze meist auf natürliche Reaktionen wie z. B. Wegducken oder die Hände hochzunehmen.

Die genauere Betrachtung einer Gefahrensituation lässt durchaus einen Präventivschlag zu. Hat sich ein Angreifer erst einmal entschlossen zu attackieren, dann ist der Angriff bereits in vollem Gange – und somit jede Maßnahme gerechtfertigt, die den Angriff beendet und die eigene Unversehrtheit sicherstellt.

Im Übrigen ist dieses Verhalten selbst in den Instinkten der Tiere verankert: Fühlen sie sich bedroht und haben keine Rückzugsmöglichkeit, treten sie oft die Flucht nach vorn an und gehen zum Angriff über.

Diejenigen, die es wissen müssten, haben sich ebenfalls zu diesem Thema geäußert. Hier ein paar Aussagen – unter anderem auch von Funakoshi selbst:

Funakoshi Gichin, Karate-Dō Kyōhan (1935):

Wenn es keinen Ausweg gibt oder man festgesetzt wurde noch bevor man einen Fluchtversuch unternehmen konnte, ist es Zeit den Einsatz von Selbstverteidigungstechniken in Erwägung zu ziehen. Zeige nicht  einmal in dieser Situation die Absicht anzugreifen und warte bis der Angreifer sich in Sicherheit wiegt. Lege in einem Überraschungsmoment alle Kraft in einen Schlag und attackiere eine verwundbare Stelle (Vitalpunkt) und bringe dich dann in Sicherheit und suche Hilfe.

Mabuni Kenwa, Kōbō Kenpō Karate-Dō Nyūmon (1938):

Im Karate existiert das Gebot „Karate Ni Sente Nashi“. Richtig verstanden deutet dies auf die geistige Einstellung hin nicht begierig darauf zu sein zu kämpfen. Es soll verdeutlichen, dass nur weil man sich im Karate geübt hat, dies nicht dazu berechtigt andere grundlos zu schlagen oder zu treten.

Steht man allerdings jemandem gegenüber der einem Schaden zufügen will, sollte man handeln wie ein Krieger der in die Schlacht zieht. Und so ist es nahe liegend, dass der Angriff auf den Feind zu führen ist um dessen Angriff zuvorzukommen. Solche Maßnahmen verstoßen in keiner Weise gegen das Gebot des „Sente Nashi“.

Motobu Chōki, Watashi no Karate-Jutsu (1932):

Es existiert der Ausspruch „Karate Ni Sente Nashi“. Offenbar neigen einige Leute dazu dies wortwörtlich zu nehmen. Ich denke Sie machen damit einen ernsthaften Fehler.

Die Bedeutung dieses Ausspruchs liegt darin, dass man anderen nicht grundlos schaden soll. Wenn man allerdings in eine ausweglose Situation gerät, obwohl man sich ernsthaft bemüht hat Ärger aus dem Weg zu gehen und der Feind ernsthaft vor hat einem Schaden zuzufügen, dann muss man sich der Situation stellen und kämpfen.

Wenn man kämpft so ist das wichtigste die Kontrolle über den Gegner zu erlangen. Also muss man die Initiative ergreifen und attackieren. Es ist sehr wichtig daran zurückzudenken.

Diese Maxime bedeutet also weitaus mehr als nur: „Starte nie einen Kampf.“
Sie heißt: „Gehe jedem Ärger aus dem Weg und suche keinen Streit.“ Karate sollte nicht trainiert werden, um anderen grundlos Schaden zuzufügen – sondern vielmehr, um Schaden von sich abzuwenden. Hierzu gehört vor allem, Gefahrensituationen bewusst zu vermeiden bzw. zuerst eine Deeskalation herbeizuführen.

Man sollte nicht versessen darauf sein, das im Dōjō Erlernte unbedingt in einer echten Auseinandersetzung ausprobieren zu wollen. Selbst wenn man gewinnt – unbeschadet verlässt kaum jemand das Schlachtfeld. Moralischer Verlierer ist man auf jeden Fall.

Schon der chinesische Meisterstratege Sun-Tzǔ bemerkte:

Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft.

Dem schließe ich mich an.

In diesem Sinne!